Gastkommentar von

Arch. DI Alfred Bramberger

Architekturqualität verständlich machen

Zahlreiche Gremien haben in Österreich das Bemühen, die Neu- und Umgestaltung unseres Lebensraumes kritisch zu beurteilen und die Qualität zu heben. Alle Landeshauptstädte und viele Bezirksstädte und Gemeinden haben inzwischen Gestaltungs- oder Architekturbeiräte installiert, um diesem Anliegen gerecht zu werden. 

In der Stadt Graz, deren Altstadt nicht nur auf Grund seiner homogenen mittelalterlichen Stadtstruktur zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt wurde, steht für den Schutz der Grazer Altstadt das Grazer Altstadterhaltungsgesetz (GAEG) zur Verfügung, das im Zuge der Etablierung des Altstadtschutzes im Europa der 70er-Jahre in Graz eingeführt wurde. Alle Bauvorhaben in den im Gesetz definierten Schutzzonen werden durch die Altstadtsachverständigenkommission begutachtet.

Diese Gutachten sind Basis für die Bearbeitung der Bauansuchen durch die Bau- und Anlagenbehörde. Es ist eine verantwortungsvolle und herausfordernde Aufgabe, die dieses Gremium zu erfüllen hat, stellt es doch einerseits die Weichen für eine lebendige Entwicklung der Stadt und muss andererseits das wertvolle historische Erbe vor den Auswirkungen eines sich weiterentwickelnden Stadtorganismus schützen. 

 

 

Arch. DI Alfred Bramberger, Vorsitzender der Grazer
Altstadtsachverständigenkommission (ASVK)

Konsensfähiger Dialog

Beide Aufgaben erfordern einen konsensfähigen Dialog der einzelnen in die Kommission entsandten Mitglieder. Dies alles passiert vor dem Hintergrund einer Stadt, die bis heute den Ruf als „Architekturstadt“ zu verteidigen hat, in der Alt und Neu nebeneinander existieren und eine spannende Mischung in einem lebenswerten Stadtraum bilden.

 

 Dieses Spannungsverhältnis war auch in der Geschichte ein treibendes Element von Stadtentwicklung. Nur waren diese Eingriffe viel radikaler und heute unvorstellbar. Dennoch macht das Nebeneinander von unterschiedlichsten historischen Epochen und Baustilen den Reiz und die Unverwechselbarkeit unserer Städte aus und ist oft touristisches Leitmotiv zahlreicher Städte in ganz Europa. Je größer der zeitliche Abstand in der Beurteilung wird, desto mehr vergisst man die Jahreszahlen hinter den Bauwerken, der historische Modernitätsfaktor tritt deutlich hinter den Qualitätsfaktor.

Zeitlicher Abstand

 Die Jahrhunderte zwischen einzelnen nebeneinander liegenden Bau- werken sind mittlerweile ohne Belang, niemand würde heute die Qualität an der Frage der ehemaligen Modernität messen wollen. Die Qualität überdauert die Modernität, somit ist es letztendlich nur eine Frage des zeitlichen Abstandes. 

 

 

Die Charakteristik der Altstadt liegt in ihrer Unterschiedlichkeit in der Baustruktur und in der architektonischen Gestaltung. Die „Altstadtatmosphäre“ ist dort am deutlichsten erlebbar, wo räumliche und architektonische Bruchstellen aus verschiedenen Jahrhunderten zu finden sind und durchwegs ungewöhnliche stadträumliche und architektonische Stilelemente aufeinanderprallen. Ein aufmerksamer Spaziergang durch die Herrengasse verdeutlicht diese These.

Alt und neu

Warum ist es heute so schwer, inmitten eines historischen Ensembles zeitgemäße Architektur – um nicht den ambivalent besetzten Begriff der Moderne zu verwenden – einzufügen und damit den Ausdruck unserer Zeit zu manifestieren? Diese Grundsatzfrage ist für mich und für die gesamte Kommission, die ich seit Juni dieses Jahres als Vorsitzender leite, der rote Faden durch alle Projekte und Bauvorhaben, die uns zur Beurteilung vorgelegt werden. 

Die Begriffe alt und neu sind semantisch ein Gegensatzpaar an sich. Gegensätze zu Positionen werden zu lassen, ist keine Kunst – die unterschiedlichen Positionen zusammenzuführen hingegen sehr wohl. Eine permanente Auseinandersetzung mit der Transformation der Stadt ist unabdingbar. Diese Transformation findet statt, ob wir wollen oder nicht. 

So gesehen ist etwa das Verhältnis der Generationen von „alt und jung“ eine gute Metapher für das Verhältnis von „alt und neu“ in der Baukultur. Eine Abschottung führt selten zu einem Erfolg. Sowohl die rigide traditionelle Haltung wie auch das unbedingt „Modern-sein-Wollen“ sind allein kein Garant für eine positive Weiterentwicklung. Das Zusammenwirken verlangt permanente Diskussion und gegenseitiges Verständnis. 

In der Regel reduziert sich im gesellschaftlichen Diskurs die Frage nach dem Umgang mit „alt und neu“ auf die Formel „alt gegen neu“. In dieser Reihenfolge präsentiert sich auch ein Großteil der Lösungen, es sind einfach gestrickte Gegensätze. Gesucht wären aber nicht Gegensätze, sondern Gegenstücke, die sich gegenseitig bedingen, Maß an Vorhandenem nehmen, den Kontext und Angemessenheit in Form und Mittel suchen. Dabei kann der Kontext das einzelne Nachbargebäude ebenso sein wie ein großräumigeres Ensemble, ein Stadtquartier oder ein Bezirk. 

hausleitner

Frage der Kontinuität

 Eine wichtige Frage in diesem Zusammenhang ist jene der Kontinuität. Form, Material, Textur und Farbe bestimmen in ihrer Varianz den Kontrast und den Kontext zur Umgebung und damit das Maß der Kontinuität in der Historie und des gestalterischen Zusammenhangs. 

 Diese Varianz schafft den Spielraum zur Verwebung zeitgemäßer Architektur im historischen Umfeld und somit die Kunst des Weiterbauens an der Stadt. Dies gelingt insbesondere dann nicht, wenn der Diskurs über traditionelle oder moderne Ergänzung nicht vielschichtig und dennoch objektbezogen, sondern ideologisch geführt wird.

Qualitätsanspruch evozieren

 Das in einem konzentrierten und fundierten Diskurs in der Kommission herauszuarbeiten und als Basis für eine Beurteilung von Architekturqualität zu hinterlegen, ist für mich vorrangiges Ziel der Arbeit in der ASVK. 

Um einen nachhaltigen Qualitätsanspruch bei Planern und Bauherrn zu evozieren, ist einerseits eine konsequente und nachvollziehbare Argumentation in der Beurteilung unabdingbar, andererseits gewährleisten nur aussagekräftige Skizzen und Materialangeben seitens der Planer eine fundierte und unmissverständliche Beurteilung und Befundung.

 

Es kann nur in ständigem Dialog mit dem Gegenüber gelingen, ein Niveau von Architekturqualität zu etablieren, das dieser lebenswerten und hoffentlich nie im Stillstand verharrenden Stadt würdig ist und dem historischen Erbe gerecht wird.